Harte Kost im Bierzelt

KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER – das.bernhard.ensemble im OFF Theater

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Bierzeltbänke, Wimpelketten, ein Moderator und ein Unterhaltungsprogramm: Die Zutaten für einen gemütlichen Abend wären vorhanden. Doch bei KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER, der neuen “Mash-up” Produktion von das.bernhard.ensemble, wird die Geselligkeit ziemlich ungemütlich. Ein greller, lauter, körperlich intensiver Theaterabend, der mir unter die Haut gegangen ist.

Die Anordnung im Raum trägt wesentlich dazu bei. Das Publikum sitzt auf Bierzeltbänken, auf denen auch die Darsteller*innen Platz nehmen, sich akrobatisch verbiegen und sich ausbreiten. Gespielt wird im gesamten Raum. Die gewohnte Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum fällt weg. Man sitzt mitten in jener Gesellschaft, deren Umgang mit einem Außenseiter immer schwerer auszuhalten ist.

A theatrical performance scene featuring a performer in a white coat and yellow hat dramatically standing on a table, while other actors interact in the background. One actor is lying on the table, while others are positioned around it, with a small audience observing.

Wenn alle lachen – nur nicht miteinander

Sebastian möchte Comedian werden. Er will Menschen zum Lachen bringen und endlich einen Platz finden. Doch sein eigenes, unkontrollierbares Lachen kommt stets zur falschen Zeit. Was für ihn ein Ausdruck von Überforderung ist, macht ihn für die anderen zum Störenfried. Seine Versuche, dazuzugehören, treffen auf Spott, Beleidigungen und Zurückweisung. Er wird getreten, misshandelt und lächerlich gemacht. Selbst seine Mutter nennt ihn dumm. Für mich entsteht das Bild eines Menschen, der offenbar kaum je erfahren hat, wie es ist, geliebt und angenommen zu werden. Die anderen lachen über ihn. Seine Witze findet niemand lustig.

Rundherum läuft die Unterhaltung weiter. Zwischen Nummern, plumpen Pointen und der Selbstinszenierung eines moralisch fragwürdigen Bürgermeisterkandidaten entsteht eine Atmosphäre irgendwo zwischen Cabaret und österreichischem Wiesnfest. Das demonstrative Miteinander hat klare Grenzen: Wer nicht hineinpasst, bekommt das zu spüren.

Viel Bewegung, wenig Ausweichraum

Das Ensemble spielt mit großem körperlichem Einsatz. Körper strecken sich über Bänke, balancieren auf Podesten, drängen sich aneinander und gehen aufeinander los. Die Nähe macht diese Vorgänge besonders unangenehm. Gewalt bleibt hier nicht in einem entfernten Bühnenbild eingeschlossen.

Auch visuell kommt der Abend kaum zur Ruhe. Die Kostüme verbinden Tracht, Clownerie und groteske Verkleidung. Weiß geschminkte Gesichter, rote Münder, eine grüne Kopfbedeckung und ein rotes Dirndl ergeben Bilder, die zwischen Komik und Bedrohung schwanken. Unter den Wimpelketten wird aus dem vermeintlich vertrauten Fest eine zunehmend verstörende Veranstaltung. Das Lichtdesign verstärkt diese Wechsel. Kaltes Blau und Grün lassen die Figuren fremd wirken, gelbe und violette Lichtflächen setzen harte Kontraste. Dann wieder zieht eine einzelne Glühbirne den Blick auf eine zusammengesunkene Gestalt. Gerade diese konzentrierten Bilder bleiben neben all dem grellen Treiben hängen.

A theatrical performance scene with four characters in costume. Two characters appear to be in a dramatic struggle in the centre, one wearing a bright green hat and the other in a red outfit. A third character is seated with a microphone, while the fourth is pointing from the side. The stage is illuminated with dramatic lighting, creating a vibrant atmosphere.
A performer in a dark suit stands on a checkered platform, under a spotlight with a vibrant yellow hue. The background features a textured, painted wall with abstract colours. The performer appears expressive, mid-performance, against a dramatic lighting setup.
A woman sits on a box, hugging her knees, looking up at a hanging light bulb. She has medium-length dark hair and wears a sleeveless white outfit. A stylised head with a crown is partially visible in the background.

Clowns, Batman und ein österreichischer Außenseiter

Ernst Kurt Weigel, verantwortlich für Regie und Konzept, verbindet in diesem Mash-up Vorlagen von Felix Mitterer und Todd Phillips. Österreichisches Dorfuniversum und die Welt von Joker geraten dabei ineinander. Auch Batman taucht auf. Die vertrauten Figuren aus dem Filmkosmos wirken in dieser Bierzeltgesellschaft zugleich wiedererkennbar und seltsam fehl am Platz.

Nicht alles hat sich mir bei der Probe eindeutig erschlossen. Besonders die Rolle der Clowns blieb für mich offen. Zeitweise wirkten sie auf mich wie mögliche Spiegelungen von Sebastians Gefühlen oder wie Begleiter einer inneren Welt, die immer stärker nach außen drängt. Ihre körperliche Präsenz und ihre zwischen verspielt und unheimlich wechselnden Erscheinungen verstärken jedenfalls die Unruhe des Abends.

Getragen wird dieses Spiel von Yvonne Brandstetter, Matthias Böhm, Andrzej Jaslikowski, Christian Kohlhofer, Brent Larsen, Ylva Maj, Sophie Resch, Leonie Wahl und Jula Zangger. Die Verbindung aus Sprechtheater, grotesken Unterhaltungsnummern und physischem Spiel fordert das gesamte Ensemble und das Publikum.

A theatrical performance scene featuring four performers in dramatic poses. One performer in a white suit appears to be restraining another in a red dress, while two others are positioned dramatically in the background. The setting includes an abstract painted wall, a clock, and low lighting.
A performer in a bright red outfit and a patterned hat poses dramatically on stage, while another performer in a white costume reaches towards them, creating an engaging theatrical moment.

Kann man so etwas mögen?

Sebastians Suche nach einem Platz mündet schließlich in Gewalt. Aus dem gedemütigten Außenseiter wird ein Attentäter. Das ist schwer anzusehen, gerade weil man seine Verletzungen zuvor so unmittelbar miterlebt hat. Beim Miterleben dieser Geschichte wurde der Knoten in meinem Magen zunehmen größer.

Weigels Regiestatement stellt die Frage, was einem Menschen widerfahren muss, damit er sich radikal gegen seine Umgebung richtet. Sein politisches Interesse reicht dabei über den einzelnen Gewalttäter hinaus: Es gilt auch jener Radikalisierung, die sich im Denken, in sozialen Medien und im Wahlverhalten ausdrückt. Im Bierzelt treffen persönliche Demütigung und eine Gesellschaft aufeinander, die Zugehörigkeit verspricht und Menschenverachtung vorführt.

A theatrical performance featuring four performers in various costumes and makeup, including a clown, a character with a batman mask, and a woman in a red dress, set against a blue-lit background.

Kann man so etwas mögen? Ich habe mich das während der Probe tatsächlich gefragt. Die Lautstärke, die Überzeichnung und die Grausamkeit verlangen den Zusehenden einiges ab. Zugleich haben mich die räumliche Nähe und die eindringlichen Bilder beschäftigt – auch danach noch.

Für mich ist das Theater für Fortgeschrittene: ein Abend, auf den man sich einlassen muss und bei dem auch Fragen offenbleiben dürfen. KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER macht es einem schwer, sich gemütlich zurückzulehnen. Auf einer Bierzeltbank ohnehin. Hier aber vor allem im Kopf.

A DJ wearing sunglasses and a tracksuit, performing at a console in a dimly lit venue. A disco ball hangs above, reflecting light patterns on the walls. An 'ON AIR' sign is illuminated in the background.

Unterhaltung mit Widerhaken

Politisches Kabarett hat eine lange Tradition darin, Machtverhältnisse offenzulegen und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten gegen den Strich zu bürsten. Hinter der vermeintlich harmlosen Unterhaltung können ziemlich unbequeme Fragen lauern. Die Bühne erlaubt Übertreibung, Karikatur und Tabubruch; im Lachen lässt sich manches aussprechen, das als direkte Anklage sofort auf Abwehr stoßen würde. Gerade die Verbindung von Vergnügen und Zumutung macht diese Form politisch interessant.

Doch Lachen ist nicht automatisch widerständig. Es kann Autoritäten entzaubern, aber ebenso Menschen erniedrigen und eine Gruppe gegen Einzelne zusammenschweißen. Wer darf einen Witz machen, wer wird zur Pointe, und wer bestimmt, wann der Spaß aufhört?

A theatrical scene featuring performers in quirky costumes, including animal masks, portraying a dramatic moment on stage. A character in a white outfit expresses distress, while others engage in various actions, including aiming a prop weapon and lying down.

Auch das Bierzelt ist dafür ein treffender politischer Schauplatz. Unterhaltung, Selbstdarstellung und das Versprechen von Zusammengehörigkeit gehen hier ineinander über. Der Moderator und der Bürgermeisterkandidat bedienen eine Gesellschaft, die sich ihrer selbst vergewissern möchte. Wer die Stimmung stört, gefährdet diesen Konsens. Mich hat daran besonders beschäftigt, wie mühelos die demonstrative Gemütlichkeit mit Grausamkeit zusammengeht. Das Unbequeme dieses Theaterabends liegt auch darin, dass die Mechanismen hinter seiner grotesken Überzeichnung erschreckend vertraut wirken.

Die Begegnung zwischen österreichischem Theaterstoff und Kultfilm ist übrigens ein Markenzeichen von das.bernhard.ensemble. Für seine von Ernst Kurt Weigel entwickelten „Mash-ups“ verwebt das Ensemble unterschiedliche Vorlagen und erarbeitet daraus im freien Improvisieren eine eigene Geschichte und Sprache. Wiener Idiom, körperliches Spiel und aktuelle gesellschaftliche Bezüge holen die Figuren ins Hier und Jetzt. Dass dabei auch Batman in einem österreichischen Bierzelt landet, gehört gewissermaßen zum Prinzip.


KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER
Ein Mash-up inspiriert von Felix Mitterer und Todd Phillips
Regie & Konzept: Ernst Kurt Weigel
Dramaturgie laut Presseunterlagen: Ernst Kurt Weigel & Sophie Resch
Komposition: Bernhard Fleischmann

Premiere: 3. November 2026, 19:30 Uhr
DAS OFF THEATER, Kirchengasse 41, 1070 Wien

ENGLISH SUMMARY

Tough Going in the Beer Tent

KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER – das.bernhard.ensemble at Vienna’s OFF Theater

Beer benches, bunting and an entertainment programme promise a convivial evening. In KEIN.PLATZ.FÜR.JOKER, however, that conviviality turns decidedly uncomfortable. I attended and photographed a rehearsal on 28 October and found myself drawn into a loud, visually striking and physically intense production that got under my skin.

Sebastian dreams of becoming a comedian and finding somewhere to belong. Instead, his uncontrollable laughter makes him a target for ridicule, abuse and rejection. Even his mother belittles him. Around him, the entertainment continues: crude jokes, a morally dubious mayoral candidate and an atmosphere somewhere between cabaret and an Austrian beer festival. The community’s warm embrace extends only to those who fit in.

Director Ernst Kurt Weigel brings together Austrian playwright Felix Mitterer and filmmaker Todd Phillips in the ensemble’s trademark mash-up format. Even Batman finds his way into this Austrian village universe. The performers use the entire room, sharing benches with the audience and turning furniture into platforms for acrobatic, confrontational encounters. Grotesque costumes and stark changes of lighting move the atmosphere between comedy and menace. The clowns remained open to interpretation for me, at times suggesting reflections of Sebastian’s emotional world.

A DJ wearing sunglasses and a red tracksuit is performing at a booth with equipment, gesturing towards the audience. A sparkling blue table cover is visible, along with an 'ON AIR' sign illuminated in red.

As humiliation gives way to violence, the knot in my stomach tightened. The production asks how an outsider becomes radicalised, while also examining the cruelty concealed within public displays of belonging. It draws on political cabaret’s ability to unsettle through entertainment, but exposes laughter’s darker power too: it can challenge authority or unite a group against someone vulnerable.

Can you enjoy theatre like this? I genuinely asked myself that during the rehearsal. Its intensity demands a great deal from performers and audience alike. Yet its images and uncomfortable questions stayed with me afterwards. This is challenging political theatre that makes it difficult to sit back comfortably – physically on those beer benches, and above all, mentally.

A performer in a red polka dot dress stands on a table, surrounded by fog and colourful bunting, while engaging with the audience. A seated man looks on, and other performers are partially visible in the background.

Informationen zu Produktion und Tickets

Theatrical performance featuring a woman in a red polka dot dress and two performers interacting on stage, with atmospheric blue lighting and an audience member observing.

PROBENFOTOS © KARIN SVADLENAK