Die dritte Frau

Im Taubenschlag im Kosmos Theater

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Wien gilt als Stadt der Spione. Da denkt man schnell an Der dritte Mann, an dunkle Gassen und die berühmte Zithermusik. Doch Spionage ist mehr als nostalgische Filmromantik. Heute geht es auch um Desinformation, politische Einflussnahme und die Überwachung von Journalist*innen. Davon erzählt „Im Taubenschlag“ von Veronika Glatzner und Barbara Juch am Kosmos Theater.

Drei Frauen stehen auf der Bühne – da lag „Die dritte Frau“ als Titel für diesen Beitrag nahe. Die Anspielung auf den berühmten Wien-Film passt auch zur Frage, aus der das Stück entstanden ist: Welche Rolle spielen Frauen in der Spionage, und warum wissen wir so wenig über sie?

Two performers on a stage with a purple projected background, one standing and one leaning close together, with shadows visible in the scene

In einem geheimen Wiener Hinterzimmer treffen eine georgische „Wegwerfagentin“, eine tschechische Geheimdienstagentin und eine österreichische Ex-Diplomatin aufeinander. Gespielt werden sie von Ana Grigalashvili, Julia Schranz und Halka Jeřábek Třešňáková.

Sie bereiten eine geheime Operation vor. Die junge Agentin wird darin geschult, unbequeme Journalist*innen zu beschatten. Die ehemalige Politikerin soll bei einer Ausstellungseröffnung eine Rede mit antiwestlicher Propaganda halten. Dabei müssen die Frauen nicht nur ihre Aufträge erfüllen, sondern auch auf der Hut voreinander sein. Vertrauen ist in ihrem Beruf notwendig, aber ebenso gefährlich.

Der titelgebende Taubenschlag hat einen historischen Hintergrund: Zur militärischen Aufklärung wurden tatsächlich Tauben mit kleinen Kameras ausgestattet. Sie fotografierten fremdes Gebiet und kehrten anschließend zu ihrem Schlag zurück.

Three performers in stylish outfits pose on a brightly lit stage, surrounded by colourful lighting and smoke effects, with wooden set pieces in the background.
A dramatic stage scene featuring a spotlight on a champagne bottle with a hand sculpture next to it, set against a backdrop displaying faces of women in vibrant pink lighting.

Das Bühnenbild von Paul Sturminger gibt diesem Treffpunkt eine schlichte Gestalt: eine Holzwand mit Tür und einem Fenster mit Rollläden, davor wenige Möbel und eine Matratze. Ein unauffälliger Ort für weniger unauffällige Geschäfte.

Die Schauspielerinnen agieren hier manchmal ganz schön athletisch. Sie hängen an Seilen, balancieren auf einem Trapez und stützen einander bei akrobatischen Übungen. Tänzerische Szenen bringen zwischen den Gesprächen und geheimen Aufträgen zusätzliche Bewegung auf die Bühne.

Two women engaged in an intense conversation inside a wooden-framed room, one is pointing while the other is standing with a tense posture.
A performer gracefully suspended from ropes, dressed in black, in a dimly lit space with a red spotlight illuminating the floor and casting a shadow.

Die wechselnden Lichtstimmungen verändern den Raum deutlich. Mal stehen die Figuren im hellen Licht, mal heben sich ihre Körper aus der Dunkelheit ab und werfen große Schatten. Kräftiges Blau, Pink und Rot sowie Lichtkegel im Bühnennebel geben den Szenen eine andere Atmosphäre. In dunkleren Momenten überlagern Projektionen den Bühnenraum. So erhält das nüchterne Bühnenbild immer wieder einen neuen Charakter.

A performer hangs from a rope above a mattress, while another lies on the mattress, resting on her elbows and looking up. The scene is set against a wooden wall with a white shuttered window.
A woman in an elaborately patterned shirt holds a bowl of grapes and looks defiantly upward, while another woman in a purple tracksuit sits in the background, observing attentively. The setting features a wooden wall and red flooring, creating a dramatic atmosphere.

Mata Hari kennt fast jeder. Ihr Mythos prägt bis heute das Bild der verführerischen Spionin. Über die Arbeit vieler anderer Frauen in den Geheimdiensten ist dagegen weit weniger bekannt. Die Idee zum Stück entstand bei der Recherche über die Wiener Fotografin und Spionin Edith Tudor-Hart. Sie spielte eine wichtige Rolle bei der Anwerbung des britischen Spionagerings „Cambridge Five“. Von ihrer Geschichte führte der Weg zu heutigen Fällen und Verdachtsmomenten rund um prorussische Spionage.

A performer hanging from a rope on a swing, dressed in a purple top and black trousers, with a playful expression against a dark background.

Die Handlung ist verwickelt. Wer arbeitet für wen? Wer erzählt die Wahrheit? Und wer versucht gerade, die anderen zu täuschen? Das scheint durchaus beabsichtigt zu sein: Im Stück selbst wird angesprochen, wie kompliziert Spionagefilme sein können.

Ohne die Informationen zu den historischen Hintergründen und den aktuellen Bezügen wäre ich zwischen den verschiedenen Handlungsebenen wohl etwas verloren gewesen. Für mich war der Pressetext deshalb eine hilfreiche Orientierung. Für Zuseher*innen sind sicher die angebotenen Einführungsgespräche um 19:00 Uhr bzw. die Publikumsgespräche im Anschluss an die Vorstellung empfehlenswert.

Two actresses in a theatrical performance, engaged in a dramatic struggle on stage. One actress is dressed in black and appears to be overpowering the other, who is wearing a red jacket. The background features wooden panels and a carpeted floor.

Eindeutig erkennbar sind Anspielungen auf politische Skandale der Gegenwart. Das Stück greift auf, wie Falschinformationen verbreitet werden und wie sich politische Verbindungen nutzen lassen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dabei geht es auch darum, das Vertrauen in demokratische Institutionen zu schwächen.

Spionage und Theater haben hier einiges gemeinsam: Menschen nehmen Rollen an, erzählen Geschichten und versuchen, andere von ihrer Darstellung zu überzeugen. Nur haben die Täuschungen außerhalb der Bühne ganz andere Folgen.



„Im Taubenschlag“ ist vor allem politisches Theater. Die Handlung verlangt Aufmerksamkeit und lässt manches offen. Es steht hier nicht die Spannung eines Spionagefalls, sondern die Politik im Vordergrund. Der Abend wirft einen Blick hinter die vertraute Wiener Spionageromantik – auf eine Gegenwart, in der Täuschung und Einflussnahme sehr reale Werkzeuge sind.

ENGLISH SUMMARY

The third woman

“IM TAUBENSCHLAG” at KOSMOS Theater

Im Taubenschlag at Vienna’s Kosmos Theater brings three female agents together in a secret back room to prepare a Russian intelligence operation. Written by Veronika Glatzner and Barbara Juch, the German-language production explores disinformation, political manipulation and the often underestimated role of women in espionage. Its starting point was research into the Viennese photographer and spy Edith Tudor-Hart, but the play moves from Cold War history to contemporary political scandals and Vienna’s enduring reputation as a city of spies.

Three performers on stage striking a dramatic pose with a smoky background, featuring red-lit windows and a wooden set.

The deliberately tangled plot can be difficult to follow; the accompanying press material helped me understand its historical and political connections. Athletic performances, including rope and trapeze work, punctuate the dialogue, while a simple wooden set changes character through vivid lighting, shadows and projections. The emphasis is on political questions rather than thriller-style suspense: who controls information, whom can we trust, and how does deception undermine democracy?

A performer in a burgundy tracksuit and black trousers expresses emotion on stage, surrounded by minimalist furniture, including two black chairs and a small table with a bottle, glass, and grapes.

For information

Im Taubenschlag
Von Veronika Glatzner und Barbara Juch

Regie: Veronika Glatzner
Dramaturgie und Text: Barbara Juch
Bühne und Kostüm: Paul Sturminger
Mit: Ana Grigalashvili, Julia Schranz und Halka Jeřábek Třešňáková

Premiere: 7. Oktober 2026, 20 Uhr
Weitere Vorstellungen bis 23. Oktober 2026.

Kosmos Theater
Siebensterngasse 42, 1070 Wien

Termine und Informationen beim Kosmos Theater

A dramatic theatre scene featuring a person in a blue hoodie holding a weapon beside a wooden structure, with another person lying motionless on the floor.

DRESS REHEARSAL PHOTOS © KARIN SVADLENAK