Funkelnde Schönheit

Glanzstücke im MAK

(Scroll down for the English text.)

Ich muss gleich zu Beginn etwas gestehen: Schmuck gehört nicht unbedingt zu meinen Spezialgebieten.

Natürlich kann ich schönen Dingen durchaus etwas abgewinnen, aber ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die sich mit berühmten Schmuckhäusern, historischen Kollektionen oder besonderen Schmucksammlungen auskennen. Bevor ich die Ausstellung Glanzstücke. Van Cleef & Arpels High Jewelry × Meisterwerke der MAK Sammlung im MAK besuchte, wusste ich so gut wie nichts über die Entwürfe von Van Cleef & Arpels.

Eineinhalb Stunden später verließ ich die Ausstellung mit zwei Gedanken: A thing of beauty! Und: Ich muss noch einmal kommen. Denn diese Ausstellung ist wunderschön. Nicht nur wegen der Schmuckstücke – obwohl manche davon wie der Inhalt des Traums eines besonders ambitionierten Juwelendiebs aussehen –, sondern vor allem wegen der Art, wie sie präsentiert werden.

Das MAK hat keine konventionelle Schmuckausstellung geschaffen, in der man von Vitrine zu Vitrine wandert und immer spektakulärere Mengen an Diamanten, Smaragden, Rubinen und Saphiren bewundert. Stattdessen bringt Glanzstücke rund 500 Objekte miteinander ins Gespräch: Kreationen aus der langen Geschichte von Van Cleef & Arpels treffen auf Objekte aus der MAK Sammlung – von Textilien und Keramiken über Möbel und Mode bis hin zu grafischen Entwürfen und Arbeiten der Wiener Werkstätte. Und genau dieser Dialog macht die Ausstellung für mich besonders faszinierend.

Ein Schmuckstück wirkt plötzlich anders, wenn daneben ein Textilentwurf der Wiener Werkstätte zu sehen ist, der dieselbe Geometrie oder denselben Rhythmus aufgreift. Die Farben von Edelsteinen finden sich in Keramiken wieder. Floraler Schmuck trifft auf stilisierte Blumen und Blätter aus einer anderen Epoche und einem anderen Medium. Historisches Ornament und moderner Schmuck beginnen, dieselbe visuelle Sprache zu sprechen. Gerade diese Gegenüberstellungen gehörten für mich zu den schönsten Eindrücken der Ausstellung.

Da ist zum Beispiel ein 1906 von Koloman Moser entworfener und von der Wiener Werkstätte ausgeführter Paravent, der mit dem außergewöhnlichen Zip-Collier von Van Cleef & Arpels in Dialog tritt. Letzteres lässt sich tatsächlich in ein Armband verwandeln – Schmuck als Ornament und zugleich als raffiniertes Designobjekt. An anderer Stelle treffen geometrische Stoffmuster der Wiener Werkstätte auf Schmuckentwürfe mit einem ganz ähnlichen Rhythmus.

Besonders gefallen haben es mir auch die historischen Wiener „Kunstbillets“ auf geprägtem Goldpapier mit Perlmutt und Gouache, die den Kreationen von Van Cleef & Arpels gegenübergestellt werden. Sie erinnern daran, dass nicht alles Gold ist, was glänzt – und dass wahrer Wert letztlich nicht aus dem Material entsteht, sondern aus dem künstlerischen Können, das daraus etwas Schönes schafft.

Und dann ist da noch die Gestaltung der Ausstellung selbst. Die von Atelier Tsuyoshi Tane Architects konzipierte Szenografie verwandelt die Ausstellungshalle in ein dunkles, beinahe geheimnisvolles Labyrinth. Die Räume bleiben bewusst im Halbdunkel, während sich das Licht auf die Vitrinen konzentriert. Gold und Edelsteine treten aus der Dunkelheit hervor, jede Reflexion wirkt dadurch noch intensiver. Das funktioniert ausgesprochen gut.

Der magischste Raum ist für mich ein tiefblauer Saal, erleuchtet von unzähligen winzigen Lichtpunkten. Es fühlt sich beinahe an, als stünde man unter einem Nachthimmel – nur dass unter den Sternen auch noch die Juwelen funkeln.

Die Ausstellung ist in sechs Kapitel gegliedert – Wanderlust, Architecture, Rhythmic Designs, On Stage, Metamorphoses und Nature & Cosmos – und nach und nach beginnt man, die Verbindungen zu entdecken: wiederkehrende Formen, Farben und Ideen, die durch Jahrhunderte und unterschiedliche Disziplinen wandern.

Einer der faszinierendsten Aspekte ist die Verwandlung. Van Cleef & Arpels schuf immer wieder Schmuckstücke, die ihre Funktion verändern können. Das berühmte Zip-Collier ist ein Beispiel dafür, aber es gibt auch Stücke, die sich in Colliers, Armbänder oder versteckte Uhren verwandeln lassen, oder Elemente, die abgenommen und als Broschen getragen werden können. Diesen spektakulär teuren Objekten wohnt eine überraschend raffinierte Verspieltheit inne.

Auch die Natur ist eine immer wiederkehrende Inspirationsquelle. Blumen, Blätter, Vögel und fantastische Wesen tauchen in unterschiedlichsten Formen auf.



Letztlich handelt diese Ausstellung weniger von Schmuck als von Design – was wohl auch erklärt, warum sie ihren Weg ins MAK gefunden hat. Es geht darum, wie Menschen zu unterschiedlichen Zeiten Natur, Architektur, Bewegung, Geometrie und die Welt um sie herum betrachtet und ihre Eindrücke in schöne und manchmal auch funktionale Objekte übersetzt haben. Manchmal entsteht daraus ein Textil. Manchmal eine Keramik. Manchmal ein Möbelstück. Und manchmal, ja, enthält das Ergebnis eine geradezu unverschämte Menge an Diamanten.

Ich verbrachte etwa eineinhalb Stunden in Glanzstücke, einen großen Teil davon fotografierend. Wie so oft in Ausstellungen verändert der Blick durch die Kamera auch die Art, wie ich sehe. Ich nehme Reflexionen, Details und visuelle Beziehungen wahr, an denen ich sonst vielleicht vorbeigegangen wäre. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass mir hinterher bewusst wird, wie vieles ich noch gar nicht richtig betrachtet habe. Diese Ausstellung braucht mehr Zeit. Deshalb werde ich mit meiner Tochter noch einmal hingehen. Diesmal möchte ich weniger fotografieren und mehr schauen.

Und es gibt noch einen anderen Grund, warum ich beim Gang durch diese Räume immer wieder an Familie denken musste. Meine verstorbene Mutter hätte diese Ausstellung geliebt. Sie hatte eine viel größere Affinität zu Schmuck als ich, und ich konnte mir sehr genau vorstellen, wie viel Freude ihr diese Räume bereitet hätten.

Vielleicht ist auch das etwas, was schöne Dinge mit uns machen. Sie lösen Assoziationen aus, die mit ihrem materiellen Wert nur sehr wenig zu tun haben. Wir verbinden sie mit Menschen, Erinnerungen und Momenten. Ich betrat Glanzstücke als jemand, der Schmuck niemals als eines seiner besonderen Interessengebiete bezeichnen würde. Ich verließ die Ausstellung und plante bereits meinen zweiten Besuch.

Das sagt vermutlich genug.

AND NOW IN ENGLISH

It sparkles and shines

“Glanzstücke” at the MAK

I have to admit something before I start: jewellery is not exactly my area of expertise.

I appreciate beautiful things, of course, but I have never been someone who could tell you much about famous jewellery houses, historic collections or particular techniques of haute joaillerie. Before visiting Glanzstücke. Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection at the MAK, I knew next to nothing about the designs of Van Cleef & Arpels.

An hour and a half later, I left thinking two things: A thing of beauty! And: I have to come back.

Because this exhibition is beautiful. Not simply because of the jewels – although some of them look like the contents of a particularly ambitious jewel thief’s dream – but because of the way they are presented.

The MAK has not created a conventional jewellery exhibition in which one moves from glass case to glass case admiring increasingly spectacular quantities of diamonds, emeralds, rubies and sapphires. Instead, Glanzstücke brings around 500 objects into conversation with one another: creations from the long history of Van Cleef & Arpels meet objects from the MAK Collection, ranging from textiles and ceramics to furniture, fashion, graphic designs and works of the Wiener Werkstätte. And for me, this dialogue is what makes the exhibition especially fascinating.

A piece of jewellery suddenly looks different when it is placed next to a Wiener Werkstätte textile design sharing its geometry or rhythm. Precious stones find echoes in the colours of ceramics. Floral jewellery is shown alongside stylised flowers and leaves from another period and another medium. Historical ornament and modern jewellery begin to speak the same visual language.
Some of my favourite impressions were precisely these pairings.

There is, for example, a 1906 folding screen by Koloman Moser, executed by the Wiener Werkstätte, presented in dialogue with Van Cleef & Arpels’ extraordinary Zip necklace. The latter can actually be transformed into a bracelet – jewellery as both ornament and ingenious design object. Elsewhere, geometric Wiener Werkstätte textile patterns meet similarly rhythmic jewellery designs. I also particularly loved the historic “Kunstbillets” (art cards) from Vienna on embossed guilt paper with mother of pearl and gouache placed alongside the finished Van Cleef & Arpels creations. They remind you that not all that glitters is gold, and that in fact true value does not derive from material, but from the artistic skill that transforms it into a thing of beauty.

And then there is the exhibition design. The scenography, conceived by Atelier Tsuyoshi Tane Architects, transforms the exhibition hall into a dark, almost mysterious labyrinth. Most of the rooms are deliberately subdued, with the light concentrated on the display cases. Gold and gemstones emerge from the darkness, and every reflection becomes more intense. It is extremely effective.

The most magical space for me is a deep blue room illuminated by countless tiny points of light. It feels almost like standing beneath a night sky – except that below the stars, the jewels are sparkling too.

The exhibition is divided into six chapters – Wanderlust, Architecture, Rhythmic Designs, On Stage, Metamorphoses and Nature & Cosmos – you gradually begin noticing connections: recurring shapes, colours and ideas travelling across centuries and disciplines.

One of the most intriguing aspects is transformation. Van Cleef & Arpels repeatedly created pieces that could change their function. The famous Zip necklace is one example, but there are also pieces that can become necklaces, bracelets or hidden watches, or elements that can be detached and worn as brooches. There is a clever playfulness to these spectacularly expensive objects.

Nature provides another recurring source of inspiration. Flowers, leaves, birds and fantastical creatures appear again and again.

This exhibition is ultimately less about jewellery and more about design, which is evidently why it found its way into the MAK. It is about how people across different periods have looked at nature, architecture, movement, geometry and the world around them and translated what they saw into beautiful and sometimes functional objects. Sometimes the result is a textile. Sometimes a ceramic. Sometimes a piece of furniture, and sometimes, yes, it happens to contain a frankly excessive number of diamonds.

I spent about an hour and a half looking at Glanzstücke, much of it photographing. As so often happens to me in exhibitions, looking through the camera changes the way I see. I notice reflections, details and visual relationships that I might otherwise pass by. But it also means that afterwards I realise how much I still haven’t properly looked at. This exhibition needs more time.

So I am going back today with my daughter. This time, I intend to photograph less and look more. And there is another reason I found myself thinking about family while walking through these rooms. My late mother would have absolutely loved this exhibition. She had far more of an affinity for jewellery than I do, and I could imagine exactly how much pleasure these rooms would have given her.

Perhaps that is also part of what beautiful objects do. They trigger associations that have very little to do with their material value. We connect them with people, memories and moments.

I entered Glanzstücke as someone who would never describe jewellery as one of her particular interests. I left planning my second visit.

That probably says enough.

For more information

GLANZSTÜCKE
Van Cleef & Arpels High Jewelry × Meisterwerke der MAK Sammlung

  1. Juni – 27. September 2026
    MAK – Museum für angewandte Kunst
    Stubenring 5, 1010 Wien

Dienstag 10–21 Uhr
Mittwoch–Sonntag 10–18 Uhr


EXHIBITION PHOTOS © KARIN SVADLENAK