250 Jahre Albertina
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Vor zwei Wochen durfte ich auf Einladung der Albertina an ihrer festlichen 250-Jahr-Feier teilnehmen. Schon der Sommerabend auf der Terrasse, die ausgezeichnete Bewirtung, Cocktails und angeregte Gespräche machten die Veranstaltung zu einem besonderen Erlebnis. Der eigentliche Höhepunkt wartete jedoch im Inneren des Museums: die Jubiläumsausstellung „Sammeln für die Zukunft“, die auf faszinierende Weise erzählt, wie aus einer privaten Sammlung eines Habsburger Erzherzogs eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt entstand.
Wer die Albertina kennt, verbindet sie meist mit großen Sonderausstellungen oder mit Dürers berühmtem Feldhasen. Die spannende Geschichte hinter dem Museum aber kannte ich in dieser Form vorher nicht. Diese Geschichte also erzählt die Jubiläumsausstellung auf durchaus lebendige Art.

Die Reise beginnt im Jahr 1776. Während in Amerika die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wird und Europa am Beginn großer politischer Umbrüche steht, legen Erzherzogin Marie Christine und ihr Ehemann Herzog Albert von Sachsen-Teschen den Grundstein für jene Sammlung, die später als Albertina weltberühmt werden sollte. Beide waren nicht nur leidenschaftliche Sammler, sondern selbst künstlerisch ausgebildet. Marie Christine malte Miniaturen, Albert beschäftigte sich intensiv mit Zeichnung und Topografie. Kunst war für sie weit mehr als ein Statussymbol – sie war Leidenschaft und Vermächtnis zugleich.

Und es wurde mit Weitblick gesammelt. Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung gelang der Albertina ein spektakulärer Tausch mit der kaiserlichen Hofbibliothek. Dadurch gelangten rund 530 bedeutende Zeichnungen in die Sammlung – darunter Werke von Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel, Peter Paul Rubens, Rembrandt und etwa 140 Blätter von Albrecht Dürer. Dieser Coup prägt den Rang der Sammlung bis heute.
Die Ausstellung zeigt dabei nicht nur Dokumente und historische Texte, sondern auch außergewöhnliche Originale. Eines davon ist der zweite Probedruck von Albrecht Dürers “Adam und Eva”. Selbst wenn man Dürers Werk gut kennt, ist es etwas Besonderes, einen so frühen Druck unmittelbar vor sich zu sehen und die unglaubliche Präzision seiner Linien zu bewundern.


Natürlich gibt es noch einen weiteren Höhepunkt, der allein schon den Besuch rechtfertigt. Die Albertina zeigt tatsächlich den originalen Feldhasen von Albrecht Dürer. Das ist eine seltene Gelegenheit, denn aus konservatorischen Gründen wird das berühmte Blatt normalerweise nicht dauerhaft präsentiert. Meist sind lediglich hochwertige Faksimiles zu sehen. Umso eindrucksvoller ist es, vor dem Original zu stehen und jene winzigen Details zu entdecken, die Reproduktionen niemals vollständig wiedergeben können – vom seidigen Fell bis zum winzigen Fensterreflex im Auge des Tieres. Das kann schon mal einen Andrang von Besuchern fast wie vor der Mona Lisa im Louvre rechtfertigen.


Mindestens ebenso spannend wie die Meisterwerke selbst ist die Geschichte des Museums. Besonders das Jahr 1919 markiert einen tiefen Einschnitt. Nach dem Ende der Monarchie verlor die Albertina einen bedeutenden Teil ihrer Bestände, gleichzeitig wurde sie aber vom fürstlichen Grafikkabinett zu einem staatlichen Museum für die Öffentlichkeit. Diese “zweite Gründung” machte den Weg frei für jenes Museum, das heute jährlich mehr als eine Million Besucherinnen und Besucher aus aller Welt empfängt.

Einige Kunstwerke haben es mir besonders angetan. Zum Beispiel ein eindringliches Selbstporträt von Käthe Kollwitz. Das Selbstporträt war für sie die “visuelle Form des Gesprächs mit sich selbst”. Ihre Selbstbildnis ist daher voller Verletzlichkeit und psychologischer Tiefe, mit ungeheurer Intensität. Es ist eines jener Werke, die einen nachdenklich werden lassen.

Ein ganz anderes Gefühl löste dagegen eine Zeichnung von Jakob Alt aus. Sie zeigt den Blick von der Spinnerin am Kreuz über Wien – ein Wien, das kaum noch etwas mit der heutigen Millionenstadt gemeinsam hat. Rings um die Stadt liegen Felder, sanfte Hügel und weite Landschaften. Stephansdom, Karlskirche und das Obere Belvedere ragen aus einer noch überschaubaren Stadt hervor. Solche historischen Stadtansichten liebe ich ganz besonders. Sie erlauben eine kleine Zeitreise und machen bewusst, wie sehr sich Wien in den vergangenen zwei Jahrhunderten verändert hat.

Überhaupt erzählt diese Ausstellung nicht nur von Kunst, sondern auch davon, wie sich Museen ständig neu erfinden müssen. Aus einer privaten Sammlung wurde zunächst eine wissenschaftliche Institution, später ein öffentliches Museum und schließlich ein international renommiertes Ausstellungshaus. Neue Erwerbungen, Kriege, politische Umbrüche und bauliche Veränderungen haben die Albertina immer wieder verändert, ohne dass sie ihren ursprünglichen Kern verloren hätte.
Gerade deshalb trägt die Ausstellung ihren Titel so treffend. Sie blickt nicht nostalgisch zurück, sondern zeigt, dass jede Generation Verantwortung dafür trägt, kulturelles Erbe zu bewahren und zugleich neu zu interpretieren. Ich bin an diesem Abend mit dem Gefühl nach Hause gegangen, die Biografie eines Museums kennengelernt zu haben. Zwischen weltberühmten Meisterwerken erzählt die Albertina vor allem eine Geschichte über Leidenschaft, Weitblick und die Bedeutung des Sammelns. Eine Ausstellung, die Kunstliebhaber ebenso begeistert wie alle, die erfahren möchten, warum dieses Haus seit 250 Jahren zu den wichtigsten kulturellen Institutionen Europas gehört.

AND NOW IN ENGLISH
How It All Began
250 Years of the Albertina
Two weeks ago, I had the pleasure of attending the Albertina’s 250th anniversary celebration at the museum’s invitation. The warm summer evening on the terrace, excellent catering, cocktails, and lively conversations already made it a memorable occasion. The true highlight, however, awaited inside the museum: the anniversary exhibition Collecting for the Future, which tells the fascinating story of how the private collection of a Habsburg archduke evolved into one of the world’s most important art museums.
Most people associate the Albertina with its major temporary exhibitions or Albrecht Dürer’s famous Young Hare. What I hadn’t fully appreciated before was the remarkable story behind the museum itself. This anniversary exhibition brings that history vividly to life.

The journey begins in 1776. While the Declaration of Independence was being signed in America and Europe stood on the threshold of profound political change, Archduchess Maria Christina and her husband, Duke Albert of Saxe-Teschen, laid the foundations for the collection that would eventually become the world-renowned Albertina. Both were not only passionate collectors but also artistically trained themselves. Maria Christina painted miniatures, while Albert devoted himself to drawing and topographical studies. For them, art was far more than a symbol of status—it was both a passion and a legacy.
And they collected with remarkable foresight. Just a few decades after the collection was founded, the Albertina secured an extraordinary exchange with the Imperial Court Library. Around 530 important drawings entered the collection, including works by Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel the Elder, Peter Paul Rubens, Rembrandt, and approximately 140 sheets by Albrecht Dürer. This remarkable acquisition continues to define the importance of the collection today.
The exhibition presents not only historical documents and archival material but also exceptional original works. Among them is the second proof impression of Albrecht Dürer’s Adam and Eve. Even if you know Dürer’s work well, standing before such an early print and admiring the astonishing precision of every engraved line is a special experience.
Of course, there is another highlight that alone justifies a visit. The Albertina is currently displaying the original Young Hare by Albrecht Dürer. This is a rare opportunity, as the famous drawing is normally not exhibited permanently for conservation reasons. Visitors usually see only high-quality facsimiles. Standing in front of the original, however, reveals countless tiny details that no reproduction can fully capture—from the silky texture of the fur to the tiny reflection of the artist’s studio window in the hare’s eye. It is easy to understand why it attracts crowds almost comparable to those gathering around the Mona Lisa in the Louvre.

The history of the museum itself is every bit as fascinating as the masterpieces it houses. The year 1919 marked a profound turning point. After the fall of the Habsburg monarchy, the Albertina lost a significant part of its holdings, but at the same time it was transformed from a princely print room into a public museum. This “second founding” paved the way for the institution that today welcomes more than one million visitors from around the world every year.
Some works spoke to me more than others. One of them was Käthe Kollwitz’s deeply moving self-portrait. For Kollwitz, the self-portrait was the “visual form of a conversation with oneself.” Her self-images are therefore filled with vulnerability and psychological depth, carrying an extraordinary emotional intensity. It is one of those works that quietly stays with you long after you have moved on.
A completely different emotion came from a drawing by Jakob Alt. It depicts the view from the Spinnerin am Kreuz across Vienna—a Vienna that bears little resemblance to today’s metropolis. Fields, gentle hills, and open countryside still surrounded the city. St. Stephen’s Cathedral, Karlskirche, and the Upper Belvedere rise from what was then a comparatively small urban landscape. I have always loved these historic city views. They offer a quiet journey back in time and remind us just how dramatically Vienna has changed over the past two centuries.

Ultimately, this exhibition is about much more than art. It also tells the story of how museums must continually reinvent themselves. A private collection became a scholarly institution, then a public museum, and finally an internationally renowned exhibition venue. New acquisitions, wars, political upheavals, and architectural transformations have continuously reshaped the Albertina without ever erasing its original identity.
That is precisely why the exhibition’s title feels so appropriate. Rather than looking back with nostalgia, it reminds us that every generation carries the responsibility of preserving cultural heritage while constantly reinterpreting it. I left the museum that evening with the feeling that I had come to understand the biography of an institution. Through world-famous masterpieces, the Albertina ultimately tells a story of passion, vision, and the enduring importance of collecting. It is an exhibition that will appeal not only to art lovers but also to anyone curious to discover why this museum has remained one of Europe’s most important cultural institutions for 250 years.

For more information
You can find out more about the exhibition on the Albertina Museum’s website here.
Where:
Albertina Museum, 1010 Vienna
When:
until 11 October 2026.
EXHIBITION PHOTOS © KARIN SVADLENAK
