Das Archiv der VBKÖ
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Archive haben nicht besonders viel Glamour. Kartons, Ordner, alte Briefe, Verwaltungsakten. Papier, das langsam vergilbt, während draußen die Welt ständig nach dem Nächsten schreit. Und trotzdem hatte ich vor kurzem eine der interessantesten Führungen seit Langem. Für IGersAustria organisierte ich einen Besuch im Archiv der VBKÖ, der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs, geführt von Julia Wieger, Mitglied der Vereinigung. Großer Dank geht bei dieser Gelegenheit an Julia, die diese Öffentlichkeitsarbeit, wie alle die im Archiv mitwirken, freiwillig macht.

Schon der Ort selbst erzählt etwas über den Zustand kultureller Erinnerung in Österreich. Das Archiv liegt relativ versteckt in einem Dachgeschoss mitten in der Innenstadt. Die Räume sind klein, beinahe improvisiert wirkend, gleichzeitig aber mit Wärme betreut. Vor kurzem wurde renoviert, sorgfältig, nicht geschniegelt. Und dann dieser Blick über die Dächer Wiens, fast absurd schön im Kontrast zu manchen der Geschichten, die hier lagern. Geschichten über Ausschlüsse, Opportunismus, Verdrängung und den jahrzehntelangen Kampf von Frauen um Sichtbarkeit in der Kunstwelt.
Was mich besonders beeindruckt hat: Das Archiv existiert praktisch nur durch Idealismus. Julia erklärte uns, dass es, abgesehen von einer Förderung von Bund und Stadt Wien, kaum Ressourcen gibt und viele Mitarbeitende im Grunde freiwillig und unbezahlt arbeiten. Große Sprünge kann man damit nicht machen. Hier sitzen Menschen und bewahren mit großer Sorgfalt Briefe, Protokolle, Kataloge und Verwaltungsdokumente aus mehr als hundert Jahren Vereinsgeschichte. Kulturgedächtnis funktioniert erschreckend oft nach dem Prinzip: Hoffentlich kümmert sich irgendjemand darum.



Dabei wäre das Archiv beinahe ausquartiert worden. Die Eigentümer versuchten zeitweise, die VBKÖ aus den Räumlichkeiten zu verdrängen, schließlich handelt es sich um “prime real estate”. Dass das nicht gelungen ist, wirkt fast wie ein kleines Wunder. Denn genau solche Orte verschwinden oft, und mit ihnen auch die komplizierten Geschichten, die verlangen, erzählt zu werden.

Die VBKÖ wurde 1910 gegründet und war die erste Künstlerinnenvereinigung Österreichs. Frauen hatten damals kaum Zugang zu den etablierten Künstlervereinigungen, zu Ausstellungen oder wirtschaftlicher Absicherung. Die Gründung war deshalb nicht nur kulturell wichtig, sondern existenziell notwendig. Und gleichzeitig trägt die Geschichte der Vereinigung auch die Brüche und Widersprüche des 20. Jahrhunderts in sich.

Während des Nationalsozialismus kollaborierte die VBKÖ mit dem Regime. Wahrscheinlich auch deshalb, weil eher konservative Künstlerinnen in der Vereinigung blieben, während andere ausgeschlossen wurden, emigrierten oder verdrängt wurden. Progressivere Vereinigungen wie die Frauenkunst wurden geschlossen, der Hagenbund überhaupt zerschlagen. Das VBKÖ passte sich opportunistisch an und konnte dadurch weiterbestehen.
So wird Geschichte plötzlich sehr konkret. Julia zeigte uns alte Mitgliederlisten und Notizbücher. Namen jüdischer Mitglieder wurden darin einfach durchgestrichen. Keine großen Kommentare. Kein Pathos. Nur Linien aus Tinte. Menschen, die vorher Teil der Vereinigung gewesen waren und plötzlich nicht mehr dazugehören durften. So kann Ausgrenzung bürokratisch funktionieren. Geschichte passiert oft nicht nur in großen politischen Reden, sondern in Verwaltungsakten, Listen und stillen Streichungen.




Hände an alten Schubladen, Schlüssel in schweren Holzmöbeln, weiße Handschuhe neben historischen Dokumenten. Man merkt: Hier geht es um fragile Spuren von Menschenleben. Kleinen Gesten machten sichtbar, wie viel Sorgearbeit hinter einem Archiv steckt. Geschichte liegt hier nicht sauber abgeschlossen hinter Glas, sondern muss immer wieder hervorgeholt, gelesen, eingeordnet und neu befragt werden. Und manchmal reicht ein einziges Dokument, um zu verstehen, wie nah Erinnerung und Auslöschung eigentlich beieinanderliegen.
Nach 1945 gab es dann, wie so oft in Österreich, keinen klaren Bruch. Viele konnten sich herausreden, Verantwortung verschwand zwischen Bürokratie, Schweigen und dem jahrzehntelang gepflegten Mythos Österreichs als „erstes Opfer“. Die Kontinuitäten blieben häufig bestehen, personell wie institutionell.


Auch deshalb wirkt die heutige Arbeit des Archivs bemerkenswert. Das VBKÖ versucht inzwischen nicht mehr, diese Geschichte zu glätten oder sich rückwirkend als moralisch makellose Institution darzustellen. Die aktuelle Ausstellung „Polyphonic Archive, Entangled Voices“ beschäftigt sich genau mit diesen Widersprüchen. Nicht nur mit dem, was dokumentiert wurde, sondern auch mit dem, was fehlt, verdrängt oder ausgelöscht wurde. Das Archiv wird hier nicht als neutraler Speicher verstanden, sondern als konfliktreicher Ort voller Lücken, Machtverhältnisse und widersprüchlicher Stimmen. Gezeigt werden Arbeiten von sieben Künstler*innen, die sich intensiv mit Dokumenten, Fotografien, Stimmen und auch den Leerstellen des Archivs beschäftigt haben. Wichtig ist nicht nur, was bewahrt wurde, sondern auch, was fehlt, verdrängt oder ausgelöscht wurde.
Installationen, Video-, Sound- und Performancearbeiten verbinden persönliche Erinnerungen mit Fragen nach Ideologie, Ausschlüssen, queerer Geschichte und feministischer Archivarbeit. Dadurch wirkt die Ausstellung weniger wie ein historischer Rückblick, sondern eher wie ein offenes Gespräch darüber, wie Erinnerung überhaupt entsteht. Oder verschwindet.



Erinnerung ist keine saubere Angelegenheit. Selbst progressive oder feministische Institutionen stehen nicht außerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen. Menschen handeln manchmal mutig und opportunistisch zugleich. Geschichte ist selten eindeutig. Archive zeigen das oft schonungsloser als jede Kunstausstellung.
Genau deshalb brauchen wir solche Orte. Nicht als Ruhmeshallen, sondern als Räume, in denen Widersprüche sichtbar bleiben dürfen. Und Menschen, denen der Erhalt solcher Orte ein bleibendes Anliegen ist.

Silent gaps of history
The VBKÖ Archive
Archives are not particularly glamorous. Boxes, folders, old letters, administrative records. Paper slowly turning yellow while outside the world constantly demands the next thing. And yet, I recently experienced one of the most interesting guided tours I’ve had in a long time. For IGersAustria, I organized a visit to the archive of the VBKÖ, the Austrian Association of Women Artists, guided by Julia Wieger, a member of the association. Special thanks go to Julia, who does this public outreach work voluntarily, like everyone else involved in maintaining the archive.
The place itself already says something about the state of cultural memory in Austria. The archive is relatively hidden away in an attic space in the middle of the city center. The rooms are small, almost improvised, yet cared for with warmth. It was recently renovated, carefully rather than polished. And then there is this view across the rooftops of Vienna, almost absurdly beautiful in contrast to some of the stories stored here. Stories of exclusion, opportunism, suppression, and the decades-long struggle of women for visibility in the art world.

What impressed me most was this: the archive exists almost entirely through idealism. Julia explained to us that, apart from funding from the Austrian state and the City of Vienna, there are barely any resources available and many people involved essentially work voluntarily and unpaid. You cannot make grand leaps with that. Here, people carefully preserve letters, protocols, catalogues, and administrative documents from more than one hundred years of institutional history. Cultural memory often survives according to the principle of: hopefully somebody takes care of it.
The archive itself almost disappeared. At one point, the property owners attempted to push the VBKÖ out of the building, after all, this is “prime real estate.” The fact that this ultimately failed feels almost miraculous. Because places like this often disappear, and with them the complicated stories that insist on being told.


The VBKÖ was founded in 1910 and was the first association of women artists in Austria. At the time, women had little access to established artist associations, exhibitions, or economic security. The founding of the organization was therefore not only culturally important, but existentially necessary. At the same time, the history of the association also contains the fractures and contradictions of the twentieth century.
During National Socialism, the VBKÖ collaborated with the regime. Probably also because more conservative artists remained within the association, while others were excluded, forced into exile, or pushed out. More progressive associations such as Frauenkunst were shut down, while the Hagenbund was dissolved entirely. The VBKÖ adapted itself opportunistically and was therefore able to continue existing.
This is where history suddenly becomes very concrete. Julia showed us old membership lists and notebooks. The names of Jewish members had simply been crossed out. No dramatic commentary. No pathos. Just lines of ink. People who had once belonged to the association and suddenly no longer did. This is how exclusion can function bureaucratically. History often happens not only through major political speeches, but through administrative records, lists, and silent deletions.

Particularly unsettling is a protocol from November 1938 in which lectures about National Socialism and a planned exhibition celebrating its “achievements” are discussed in a calm and factual tone, an alarmingly matter-of-fact document showing how quickly ideological adaptation can become administrative normality.
Hands touching old drawers, keys in heavy wooden furniture, white gloves lying beside historical documents. You notice immediately: this is about fragile traces of human lives. Small gestures made visible how much care work stands behind an archive. History does not sit here neatly sealed behind glass, but must constantly be brought out again, read, contextualized, and questioned anew. Sometimes a single document is enough to understand how close memory and erasure actually are.
After 1945, as so often in Austria, there was no clear rupture. Many people managed to excuse themselves, while responsibility disappeared somewhere between bureaucracy, silence, and the long-maintained myth of Austria as the “first victim.” Continuities often remained, both institutionally and personally.

This is also why the archive’s work today feels remarkable. The VBKÖ no longer attempts to smooth over this history or retrospectively present itself as a morally flawless institution. The current exhibition, “Polyphonic Archive, Entangled Voices,” deals precisely with these contradictions. Not only with what was documented, but also with what is missing, suppressed, or erased. The archive is not presented here as a neutral storage space, but as a conflicted place full of gaps, power structures, and contradictory voices. The exhibition presents works by seven artists who intensively engaged with documents, photographs, voices, and also the silences within the archive. What matters is not only what has been preserved, but also what is absent, suppressed, or erased.
Installations, video, sound, and performance works connect personal memories with questions of ideology, exclusion, queer history, and feminist archival practice. As a result, the exhibition feels less like a historical retrospective and more like an open conversation about how memory is created in the first place. Or disappears.




Memory is not a clean matter. Even progressive or feminist institutions do not exist outside larger social power structures. People sometimes act courageously and opportunistically at the same time. History is rarely clear-cut. Archives often reveal this more mercilessly than any art exhibition.
That is exactly why we need places like this. Not as halls of glory, but as spaces where contradictions are allowed to remain visible. And people for whom preserving such places remains an enduring commitment.
You can see the current exhibitions and get insights into the archive for free by making an appointment.

EXHIBITION PHOTOS © KARIN SVADLENAK
