Leise Verschiebungen

„By the Wall“, Emma Hummerhielm Carlén @Strabag Art Site


(Scroll down for the English text.)

Emma Hummerhielm Carlén bewegt sich irgendwo zwischen Fotografie und Objekt. Ihre Bilder sind keine klassischen Fotografien mehr, sondern eher bearbeitete Erinnerungen. Dinge, die man kennt, aber so nicht erwartet.

Ich war mit IgersAustria bei einer privaten Führung durch die Ausstellung in der Strabag Art Site– und es macht einen Unterschied, wenn die Künstlerin selbst erklärt, was sie an ihrem Prozess mag und was sie an Materialien interessiert. Denn so ruhig und reduziert das alles wirkt, so gezielt ist es gebaut.

Die Künstlerin selbst, ursprünglich Architekturstudentin bevor sie sicher der Kunst zuwandte, beschreibt ihre Arbeit nicht als klassische Fotografie, und das trifft es ziemlich gut. Es geht weniger um das Festhalten eines Moments als um das Nachbearbeiten von Erinnerung. Bilder werden nicht nur aufgenommen, sondern durchlaufen einen Prozess. Sie werden verändert, gefiltert, teilweise zerstört, bis sie etwas anderes sind als das, was sie einmal waren.

Hummerhielm Carlén nimmt alltägliche Motive – Vorhänge, Betten, Räume, Details, die man normalerweise übersieht – und verändert sie durch ihren künstlerischen Prozess. Sie mag Wachs als material, wegen seiner Fluidität, weil es sich formen lässt und nicht fix bleibt. Also macht sie analoge Fotografie, digital gedruckt, in Wachs getränkt. Das Ergebnis wirkt weich, fast romantisch, manchmal ein bisschen wie eine Erinnerung, die schon leicht verblasst ist. Das Wachs ist dabei nicht nur Effekt, sondern zentral. Es legt sich über die Bilder, nimmt ihnen die Klarheit, macht sie matter, körperlicher. Man sieht nicht mehr einfach ein Foto, sondern eine Oberfläche. Gerade diese Arbeiten haben für mich am meisten funktioniert, weil sie dieses Spannungsfeld zwischen zeigen und verdecken sehr direkt spürbar machen.

Detailaufnahme eines der Wachsbilder

Der Strabag Ausstellungsraum spielt kräftig mit. Die spiegelnden Böden und Glasflächen verdoppeln die Arbeiten, verzerren sie, ziehen sie auseinander. Bilder tauchen nochmal auf, verschoben, gebrochen, diffuser als das Original. Man schaut nicht nur auf ein Werk, sondern gleichzeitig auf seine Spiegelung. Ich habe irgendwann fast nur noch diese Reflexionen fotografiert, weil genau dort diese kleine Verschiebung passiert, die die Arbeiten auch in sich tragen.

Sogar die Stiegen reflektieren die Kunstwerke im abgedunkelten Raum

Und dann kommen ihre skulpturalen Elemente dazu. Diese wandartigen Konstruktionen, die aussehen wie rohe Bauwände, fast unfertig, fast wie etwas, das noch nicht ganz gebaut oder schon wieder abgetragen wurde. Sie stehen im Raum wie Zwischenräume, keine klassischen Skulpturen, eher Barrieren oder Durchgänge. Manchmal eröffnen sich durch diese Winkel und Kanten hindurch neue Blickachsen auf die Bilder. Man sieht sie nie frontal und eindeutig, sondern immer durch etwas hindurch, leicht versetzt. Das passt ziemlich gut zur Arbeitsweise der Künstlerin.

Parallel dazu stehen im Raum die großen Gironcoli-Skulpturen. Schwer, präsent, mit viel physischer Wucht. Die Arbeiten von Hummerhielm Carlen versuchen gar nicht, dagegen anzukommen. Sie sind leiser, zurückgenommener. Aber genau dadurch entsteht eine Art Dialog: hier die massiven, fast überdeutlichen Formen, dort die fragilen, bearbeiteten Bildflächen, die sich eher entziehen als behaupten.

Die Ausstellung läuft im Rahmen des STRABAG Art Award, einem der wichtigen Förderpreise für zeitgenössische Kunst in Österreich. Er richtet sich bewusst an junge Künstler:innen aus Europa. Seit Jahren bietet er nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern vor allem Sichtbarkeit und institutionellen Rahmen. Genau diese Mischung merkt man hier: Es ist kein überproduziertes Spektakel, sondern eine konzentrierte Plattform für eine künstlerische Position, die noch in Entwicklung ist, aber bereits eine sehr klare Sprache gefunden hat.

Am Ende bleibt vor allem dieses Gefühl, dass selbst einfache, alltägliche Dinge plötzlich etwas Poetisches bekommen können, wenn man sie verändert, überlagert oder ihnen Zeit gibt, sich zu verschieben.

Der art space ist ziemlich fotogen.

Die Ausstellung kann man nach Vereinbarung kostenlos in der STRABAG ART Site bis zum 10.4.2026 sehen. Empfehlung!

Quiet Shifts

“By the Wall,” Emma Hummerhielm Carlén at Strabag Art Site

Emma Hummerhielm Carlén works somewhere between photography and object. Her images are no longer classical photographs, but rather processed memories. Things you recognize, but not quite in the way you expect.

I visited the exhibition with IgersAustria during a private guided tour at the Strabag Art Site – and it does make a difference when the artist herself talks about what she likes in her process and what interests her about materials. Because as calm and reduced as everything appears, it is very deliberately constructed.

The artist herself, originally an architecture student before fully turning to art, does not describe her work as classical photography – and that feels accurate. It is less about capturing a moment and more about reworking memory. Images are not just taken; they go through a process. They are altered, filtered, partially destroyed, until they become something different from what they once were.

Hummerhielm Carlén uses everyday motifs – curtains, beds, rooms, details you would normally overlook – and transforms them through her artistic process. She likes wax as a material because of its fluidity, because it can be shaped and does not remain fixed. So she works with analogue photography, digitally printed, then soaked in wax. The result feels soft, almost romantic, sometimes like a memory that has already started to fade. The wax is not just an effect, but central to the work. It settles over the images, takes away their sharpness, makes them more muted, more physical. You no longer see just a photograph, but a surface. These pieces worked best for me, because they make this tension between revealing and concealing very tangible.

The Strabag exhibition space plays an active role. The reflective floors and glass surfaces duplicate the works, distort them, pull them apart. Images appear again, shifted, fragmented, more diffuse than the original. You are not just looking at a work, but at its reflection at the same time. At some point, I found myself mostly photographing these reflections, because that is exactly where this subtle shift happens – the same shift the works themselves already carry.

Then there are her sculptural elements. These wall-like constructions that resemble raw construction walls, almost unfinished, almost like something not yet built or already being dismantled. They stand in the space like in-between zones, not classical sculptures but rather barriers or passages. Through these angles and edges, new lines of sight open up onto the images. You never see them frontally and clearly, but always through something, slightly offset. That fits very well with the artist’s overall approach.

At the same time, the large Gironcoli sculptures are permanently present in the space. Heavy, dominant, with a strong physical presence. Hummerhielm Carlén’s works do not try to compete with them. They are quieter, more restrained. But that is exactly what creates a kind of dialogue: on one side, massive and almost overwhelming forms; on the other, fragile, processed image surfaces that tend to withdraw rather than assert themselves.

The exhibition is part of the STRABAG Art Award, one of the important support prizes for contemporary art in Austria. It is specifically aimed at young artists from across Europe. For years, it has provided not only financial support but, more importantly, visibility and an institutional framework. You can feel that balance here: this is not an overproduced spectacle, but a focused platform for an artistic position that is still evolving, yet already speaks a very clear language.

What stays in the end is above all this sense that even the simplest, most everyday things can suddenly become poetic when they are altered, layered, or simply given time to shift.

The exhibition can be visited by appointment, free of charge, at the STRABAG Art Site until April 10, 2026. Recommended.

EXHIBITION PHOTOS © KARIN SVADLENAK