Das Ende der Welt hat in RADIO GOO GOO ein Datum und eine Uhrzeit. Wie genau die Menschheit endet, wissen wir nicht, aber dass sie endet, steht fest.
Und dann dieser Satz: Das Radioprogramm sei „wie eine Art Ariadne-Faden“. Ein Satz, der sofort im Raum hängt. Denn auf den Stiegen des Kosmos Theaters rast eine nahe Zukunft auf ihr Fixdatum zu, während eine der Akteurinnen ununterbrochen häkelt und Fäden durchs Bild laufen. Die Radioreporterin sammelt Stimmen der noch Lebenden, und das Radio wird zur Orientierung im Labyrinth des letzten Tages, zur dünnen Verbindung in einer Welt, die schon längst verstummt.
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Das Kosmos dreht die Perspektive: Gespielt wird auf den Stiegen, dort, wo normalerweise das Publikum sitzt. Dieser einfache Trick verändert alles. Die Zusehenden blicken quasi in ein System hinein: Terrassen, Ebenen, Zwischenräume. Ein Labyrinth aus Metall, Blau und schwarzer Fels-Optik, das wie eine Mischung aus Tribüne, Industriecontainer und Endzeit-Spielplatz wirkt. Und genau deshalb passt das Motiv des Ariadne-Fadens so gut: Wer hier Orientierung sucht, findet sie über Signale. Über Stimmen. Über das Radio.

In der Welt von RADIO GOO GOO gibt es keine Vögel mehr, keine Tiere, keine Geburten. Stille ist nicht romantisch, sondern ein Symptom. Und dann ist da dieses Radioprogramm: ein Geräusch, das zu bestimmten Tageszeiten wiederkehrt, ein Rhythmus, an dem sich Menschen festhalten können. Nicht, weil das Radio die Apokalypse verhindert, sondern weil es etwas Unterschätztes leistet: Es überbrückt Distanz, lindert Einsamkeit und Verzweiflung. Aus Zuhörenden wird manchmal wieder eine Gemeinschaft, wenn sie darüber sprechen, wenn sie einander ihre absurden Zukunftspläne erzählen.



Was diese Radio-Idee auf der Bühne so stark macht, ist die Live-Hörspiel-Situation, die ständig mitschwingt: Geräusche werden sichtbar hergestellt, Dinge klacken, rascheln, knarren und werden zu akustischen Ereignissen, als säße man nicht nur im Theater, sondern gleichzeitig in einem Sendestudio. Das Publikum schaut beim „Machen“ zu und hört zugleich, wie daraus Atmosphäre wird. Diese Doppelwahrnehmung funktioniert verblüffend gut: Man sieht Alltagsobjekte, Mikrofone, Hände, Körper und plötzlich ist da eine zweite Ebene, die nur im Ohr entsteht.



Auf der Bühne sieht man das ganz konkret: Mikrofone wandern von Hand zu Hand, Stimmen werden gesammelt, Musik setzt ein. Ein Keyboard begleitet live. Daneben ein kleines Radio auf einem blauen Podest: banal, fast lächerlich, und gerade deshalb so stark. Ein Altar aus Alltagsplastik.
RADIO GOO GOO ist eine utopische Tragikomödie, und dieser Spagat gelingt nicht über Klamauk, sondern über etwas viel Gemeineres: Die Figuren bekommen (oder geben sich) Aufgaben, Arbeitsaufträge, fixe Ideen. Dinge, die man „noch erledigen muss“. Nicht unbedingt, weil sie objektiv wichtig wären, sondern weil Beschäftigung Sinn simuliert. Und weil Sinn im Angesicht eines fixen Enddatums plötzlich wie eine Droge wirkt: Man nimmt, was man kriegt.
Ein Motiv, das sich unterschwellig durch den Abend zieht, ist die Idee der Zeitkapsel. Dieser menschliche Reflex interessiert die Autorin Judith Humer besonders: warum Menschen beginnen, zu sammeln, zu beschriften, zu konservieren, wenn sie an ihr Ende denken.
In RADIO GOO GOO wirken viele Handlungen wie private Archivierungsakte, kleine Rituale gegen das Verschwinden. Natürlich ist das irrational. Aber genau darin steckt Wahrheit: Zeitkapseln sind weniger Botschaften an die Zukunft als Beruhigungsmittel für die Gegenwart. Man legt etwas ab, um sich selbst zu beweisen: Ich war da. Wir waren da. Es hatte Form.

Wie so oft ist das Licht in diesem Stück ist nicht einfach Beleuchtung, es ist Stimmungsmacher, Kommentar, unterstützt die Aussage. Da gibt es harte Spots, die Figuren isolieren wie Fundstücke. Da gibt es Nebel, der Räume verschluckt und Konturen weichzeichnet, als würde die Welt langsam die Schärfe verlieren. Und oben ein Lichtkörper, ein Disco-Ball, unten Alltagsobjekte, dazwischen Menschen, die so tun, als hätten sie noch Zeit. Das passt zur Grundidee: Die Apokalypse ist kein Meteoritenschlag, sondern ein langsamer Countdown. Und das Licht macht genau das sichtbar: nicht die Katastrophe, sondern das Dazwischen.






Was die Radio-Idee auf der Bühne so stark macht, ist die Hörspiel-Situation, die ständig mitschwingt. Geräusche werden sichtbar hergestellt, Dinge klacken, rascheln, knarren, werden zu akustischen Ereignissen, als säße man nicht nur im Theater, sondern gleichzeitig in einem Sendestudio. Das Publikum schaut beim „Machen“ zu und hört zugleich, wie daraus Atmosphäre wird. Diese Doppelwahrnehmung ist ein Trick, der erstaunlich gut funktioniert: Man sieht Alltagsobjekte, Mikrofone, Hände, Körper, und plötzlich ist da eine zweite Ebene, die nur im Ohr entsteht. In einer Welt ohne Vogelstimmen, ohne tierisches Leben, ohne neue Geburten bekommt das Geräusch eine neue Würde: Es ist nicht Dekoration, sondern Lebenszeichen.
Und wenn RADIO GOO GOO „Music from Earth“ sendet und die Songzeile aufblitzt, die wie ein heimlicher Untertitel über dem Abend steht, „Radio, someone still loves you“, dann klingt das hier nicht nach Nostalgie, sondern nach Widerstand: ein letzter, schmaler Draht. Solange etwas sendet, ist noch jemand da. Solange jemand zuhört, ist man nicht ganz verschwunden. Und genau da wird das Stück unerwartet tröstlich. Nicht kitschig. Nicht „alles wird gut“. Sondern: Vielleicht ist Gemeinschaft nicht die Lösung, aber sie ist eine Form von Würde. Eine letzte, trotzige Entscheidung: Wir hören noch einmal zusammen hin.

Szenenfotos aus einer Theaterprobe. Text und Fotos © Karin Svadlenak
English summary
RADIO GOO GOO, Judith Humer’s apocalyptic tragicomedy at Vienna’s Kosmos Theater, imagines a near future where the end of humankind arrives on a fixed date and hour. Staged on the steep seating tiers with the audience placed below, the production becomes a kind of labyrinth where the end is the Apocalypse, held together by a recurring radio broadcast described in the play as an “Ariadne thread.” A performer’s constant crocheting and the visible presence of threads turn that metaphor into material, while a radio reporter collects the voices of the still-living. Live-made sounds and onstage noise create a theatre-as-studio, live-audio-drama atmosphere, giving every rustle and knock the weight of a last remaining life-sign in a world without birds, animals, or births. Humour lands because it hurts: characters cling to absurd “final tasks” and time-capsule impulses, trying to manufacture meaning when nothing is meant to last, until the radio’s shared rhythm briefly gathers strangers into community, carried by a line that flashes up like a quiet motto: “Radio, someone still loves you.”
Mehr Information:
Credits:
Text: Judith Humer
Regie: Nehle Dick
Bühne & Kostüm: Michael Lindner
Dramaturgie: Theresa Kraus
Regieassistenz: Melanie Klos
Lichtgestaltung: Dulci Jan
Ton: Karl Börner
Mit: Claudia Kainberger, Aline-Sarah Kunisch, Johanna Orsini, Luka Vlatković
Spieltermine
Premiere heute Abend, 12.2.2026, bis Ende Februar im Wiener Kosmos Theater zu sehen
Sprache: Deutsch

Alle Fotos (c) Karin Svadlenak
Photos were taken during a dress rehearsal.
