Die weibliche Leiche im Medienkosmos/The Female Body in the Media Spotlight
In her solo performance TVMORDIA, Austrian actress and performer Anna Rot explores how media representations of violence against women—especially the recurring image of the female corpse—shape our cultural imagination. Drawing from interviews with female artists and using her own body as a canvas, Rot deconstructs familiar crime scene aesthetics and reclaims narrative agency. I photographed the final rehearsal at Kosmos Theater in Vienna.
(This article continues in German, reflecting the language of the performance.)

Die vertraute Bildsprache der Gewalt
Ein Körper liegt am Boden, ein Bein halb entblößt, der Blick starr zur Seite gerichtet, das Haar über eine Spur aus Blut gesträhnt. Diese Bildsprache ist allzu vertraut. Inszenierte weibliche Leichen gehören längst zur Standardästhetik in Krimis, Thrillern und Serien – sie erzeugen Schock, Spannung, und sie sind Projektionsfläche für männliche Heldenfiguren. Während die Zahl der Femizide in Österreich konstant hoch bleibt, reproduzieren Medien weiterhin klischeehafte Darstellungen von Gewalt an Frauen – oft ästhetisiert, selten hinterfragt.
Das Bild der toten Frau ist omnipräsent, doch selten wird es kritisch reflektiert. Die inszenierte Leiche fungiert häufig als dramaturgisches Mittel, bleibt jedoch in ihrer Wirkung ambivalent – sie erstarrt zur Symbolfigur zwischen Voyeurismus und Aufreger.

Eine Solo-Performance mit klarer Kante
Die Solo-Performance TVMORDIA von Anna Rot greift genau dieses Spannungsfeld auf und zerlegt es mit klarem Blick und künstlerischer Konsequenz. Ich hatte die Gelegenheit, die Generalprobe im Kosmos Theater zu fotografieren. Der Titel TVMORDIA spielt auf TV-Morde und die Medialisierung weiblicher Gewalt an und bringt genau dies ins Zentrum: die mediale Erzählung weiblicher Gewaltkörper.

Anna Rot selbst hat bereits als Elfjährige ihre erste Leiche fürs Fernsehen gespielt, viele weitere folgten im Laufe der Jahre. Für TVMORDIA hat sie Gespräche mit Kolleginnen geführt, die von ihren Erfahrungen mit dem „Totspielen“ berichten, von den absurden Anforderungen und den Strategien, diesen Rollen gerecht zu werden. Diese Interviews fließen als Soundscape in die Performance ein und verleihen den Leichen eine Stimme. Wir hören so einiges über die Choreografie der Todesarten, im Stück blicken die toten Frauen zurück – und nehmen aktiv Raum ein.
Anna steht allein auf der Bühne und wechselt mühelos zwischen realen Erzählungen, Reflexionen und performativen Transformationen. Ihr Körper wird zur Projektionsfläche, zur Figur, zum Objekt – und immer wieder zum Subjekt.



Zwischen Dokumentation und persönlicher Auseinandersetzung
Inspiriert von Interviews mit Schauspielkolleginnen, verbindet Anna dokumentarische Elemente mit einer sehr persönlichen Auseinandersetzung. Mal sprechend, mal flüsternd, mal in stiller Präsenz – ihre Performance oszilliert zwischen Selbstbehauptung und Auflösung.

Diese intime und zugleich kraftvolle Darstellung macht TVMORDIA zu mehr als einem Kommentar. Es ist ein Versuch, den vielschichtigen Narrativen um weibliche Gewaltbilder neue Perspektiven entgegenzusetzen. Anna Rot durchbricht die Sprachlosigkeit, die oft die Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung prägt. Es gelingt ihr eine komplexe Umkehrung: Sie bleibt nicht Opfer der gängigen Darstellungen, sondern analysiert, seziert und reflektiert diese Mechanismen. Sie übernimmt erzählerische und körperliche Kontrolle, um den Blick zu verändern und eigene Erzählräume zu schaffen.

Bühnenbild und Sound: Ein atmosphärisches Zusammenspiel
Das Bühnenbild von Larissa Kramarek schafft mit wenigen Mitteln eine dichte und beklemmende Atmosphäre. Schlichte, verschiebbare Elemente, gezieltes Licht und Projektionen formen den Raum, der zum Spiegel der inneren und äußeren Konflikte wird. Begleitet wird die Performance von einem Sounddesign von Lens Kühleitner, das die emotionale Wucht der Inszenierung verstärkt.
Jennifer Gisela Weiss’ dramaturgische Handschrift ist dabei klar erkennbar: Die fein gewobene Struktur und präzise gesetzten Übergänge machen die Aufführung zu einem kohärenten und eindringlichen Erlebnis.






TVMORDIA ist mehr als eine theatrale Reflexion – es ist ein performativer Kommentar zum Umgang mit Gewaltbildern in Medien und Gesellschaft, aber auch ein Versuch, der Sprachlosigkeit über reale Gewalt an Frauen etwas entgegenzusetzen.
Im Kosmos Theater wird Kunst zum Widerstand, der Körper zum Archiv und die Bühne zum Möglichkeitsraum für neue Narrative.
Mehr Information:
Credits:
Konzept & Entwicklung: Anna Rot | Bühne & Kostüm: Larissa Kramarek | Dramaturgie: Jennifer Gisela Weiss | Musik & Sound Design: Lens Kühleitner | Produktionsleitung: Laura Golfier-Brechmann | Outside Eye: Rotraud Kern | Interviewpartnerinnen: Nina Fog, Cat Jimenez, Johanna Orsini, Ilonka Petruschka, Lise Risom Olsen, Ana Stefanović Bilić, Dolores Winkler | Lichtgestaltung: Dulci Jan | Ton: Tom Skorupp
Spieltermine
Mi., 28. Mai 2025, Fr., 30. Mai 2025, Sa., 31. Mai 2025, Mo., 02. Juni 2025, Di., 03. Juni 2025, jeweils 20:00
Sprache: Deutsch
Dauer: ca. 75 min

All photos (c) Karin Svadlenak-Gomez
Photos were taken during a dress rehearsal.
